Ansichten – Einsichten, Rede der Stifterin

Rede der Stifterin Ingrid von Hänisch zur Vernissage „ANSICHTEN – EINSICHTEN. Menschen(un)würde auf der Flucht“ am 20.10. 2017 im Jensen Kolleg in Beklum

Sehr geehrte Damen und Herren,

die stiftung-menschenwürdiges-leben ist aus der Stiftung
menschenwürdiges Sterben hervorgegangen, die ich 2004 in Berlin gegründet hatte. Schon längere Zeit hatte ich das Gefühl, dass 10 Jahre lang die Beschäftigung mit menschenwürdigem Sterben genug waren, aber was interessierte mich stattdessen?
Als sich 2015 der Strom der Geflüchteten über unser Land ergoss, war mir klar, dass dies eine ganz andere Dimension der gesellschaftlichen Herausforderung bedeutet. Ich fand das aufregend und war in einer gewissen Weise dankbar, so etwas in meinem Alter noch miterleben zu dürfen. Aus diesem Gefühl heraus entstand die stiftung-menschenwürdiges-leben und das mit besonderem Bezug zur Integration der Geflüchteten. Dabei wurde mir bewusst, dass ich das Wort „Menschenwürde“ für beide Stiftungen benutzte: menschenwürdig sterben und menschenwürdig leben. Die „Menschenwürde“ ist ein sehr wichtiger Begriff und nicht umsonst im ersten Artikel unseres Grundgesetzes verankert. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es dort. Aber was heißt das konkret? Es gibt Länder, da ist beides nicht möglich, weder menschenwürdig zu leben noch menschenwürdig zu sterben. In kriegerischen Auseinandersetzungen zu leben und/oder zu sterben, ist nicht menschenwürdig, auch nicht das Sterben durch einen Selbstmordattentäter oder durch Verhungern aus Nahrungsmangel. Das Leben in Gefangenschaft und auch, durch Vertreibung zur Flucht gezwungen zu sein, ist ein unwürdiges Leben.

Ich kann mein Leben menschenwürdig gestalten, und ein Teil der Würde liegt allein schon in dieser Tatsache, in der Freiheit meiner Selbstbestimmung.

Ich war 6 Jahre alt als meine Familie aus Ostpreußen in den Westen flüchtete, um der russischen Invasion zu entkommen. Da mein Vater die Flucht rechtzeitig organisiert hatte, war diese als solche, wenn auch mit Sack und Pack, noch mit einem regulären Zug möglich. Im Westen bei Oma und Tante, bei denen meine Mutter mit mir und meiner jüngeren Schwester unterkam, erinnere ich, dass meine Mutter angespannt, ängstlich und besorgt war. Sie passte auf, dass wir ja keinen Krach machten, Oma und Tante nicht auf den Wecker gingen.
Es war ihr unangenehm, anderen zur Last zu fallen. Wir waren Ostflüchtlinge, und ich merkte schon damals als Kind, dass es etwas anderes war, als irgendwo zu Besuch zu sein. Wie viele andere Menschen aus dem Osten Deutschlands waren wir auf Hilfe und Unterkunft angewiesen und nicht überall willkommen geheißen. Jemanden um Hilfe zu bitten, ist nicht demütigend und unwürdig an sich. Menschen sind auf einander angewiesen. Helfen fordert die Würde beiderseits heraus, solange die Hilfsbereitschaft nicht auf Stolz und Überheblichkeit gebaut ist, sondern auf Menschlichkeit. Dann kann die Hilfe mit Würde gegeben und mit Würde angenommen werden.

Meine Mutter hat sicher nicht die Hilfe als Entwürdigung erlebt, sondern es war die erzwungene Flucht und die deswegen erfolgte Trennung vom Ehemann und ihren drei älteren Kindern, die vorerst anderweitig untergekommen waren. Dadurch fühlte sich meine Mutter sicher in ihrer Unabhängigkeit und ihrer Selbstbestimmung entmündigt; und das ist es, worauf sich unser Würdebegriff im wesentlichen stützt. Würde nennen wir eine innere Haltung in dem Bewusstsein, eine Daseinsberechtigung zu haben. Würde ist nicht mit dem Begriff Ehre zu verwechseln, die bei uns von äußerer Anerkennung abhängig ist. Wenn jemand geehrt wird und einen Preis erhält z.B.

Die beschädigte Würde meiner Mutter – ist das eine gefühlte Ähnlichkeit zu den Erfahrungen der jetzigen Geflüchteten?
Diese haben hier keine Oma, keine Tante, stattdessen fremde Menschen, fremde Sprache, fremde Sitten, fremde Religion, fremde Kultur, fremde Natur – nicht als Sightseeing, sondern evtl. als neue Lebensgrundlage, zumindest als neue Lebenserfahrung. Wie ergeht es den Geflüchteten bei uns tatsächlich, abgesehen auch von ihren Fluchterfahrungen?

Für meine Mutter und uns Kinder war es ziemlich sicher, dass wir, innerhalb Deutschlands verstreut, wieder zusammen kamen, aber was macht die hiesige Regierung mit der Familienzusammenführung der Geflüchteten? Immer restriktivere Bestimmungen! Es sollte deutlich geworden sein, dass in meinem Erleben die erzwungene Trennung einer Familie für alle Beteiligten immer eine schwere Würdeverletzung bedeutet. Ich finde nicht, dass wir für die Geflüchteten Heimat sein müssen, ich glaube auch, dass das gar nicht möglich ist, aber ich finde, dass wir ihnen ein Zuhause geben sollten, ein Zugehörigkeitsgefühl und ein Gefühl der Daseinsberechtigung. Das verstehe ich unter Integration, und das bedeutet gleichzeitig, ihre Würde zu respektieren und zu schützen, egal welcher Nationalität, welcher Glaubensgemeinschaft sie angehören.

Und ich bedanke mich bei Herrn Baron und bei Herrn Magaard vom Jensen Kolleg. Das Stiftungskuratorium wollte eine Veranstaltung zu dem Thema Menschenwürde ausrichten, und Herr Magaard, der heute leider nicht hier sein kann, hatte die Idee zu diesem Projekt, dessen organisatorische Durchführung er Herrn Baron übertrug. Deshalb gilt beiden mein Dank, und auch Herrn Schmidt, dem Flüchtlingsbeauftragten für Schleswig-Holstein, und natürlich ein großes Dankeschön an Frau Kirsch. Sie übernahm die künstlerische Leitung, d. h. die Begleitung und Unterstützung der Teilnehmer während der fünf Tage, die diese im Jensen Kolleg mit Malen beschäftigt waren. Für mich und meinen Mann Dr. Dieter Grühn war es eine sehr angenehme und interessante Zusammenarbeit. Zum Schluss bedanke ich mich ganz besonders bei den Teilnehmern des Workshops, die gekommen sind und bereit waren, sich mit unserem Thema der Menschenwürde künstlerisch auseinanderzusetzen und jetzt bereit sind, sich und ihre Werke öffentlich zu zeigen.

Für die stiftung-menschenwürdiges-leben am 20.Oktober 2017
Ingrid v.Hänisch