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Menschenwürde können wir nicht kaufen, aber wir können menschenwürdige Umstände schaffen.

Stifterin Ingrid von Hänisch

Ingrid von Hänisch

 

Jahrgang 1938, analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Gestalttherapeutin. 2004 gründete ich zusammen mit meinem Partner, dem Soziologen und Kuratoriumsmitglied Dr. Dieter Grühn, in Berlin die Stiftung-menschenwürdiges-Sterben. Die konfessionell ungebundene Stiftung hatte das Ziel, Projekte, die Sterbenden und Hinterbliebenen Raum und menschlichen Beistand zuteil – werden zu lassen. 2016 änderte ich gemeinsam mit dem Kuratorium und der Stiftungsagentur Ziele und Namen der Stiftung in die stiftung menschenwürdiges leben.

Die Entstehung und Entwicklung der Stiftung und ihr Übergang vom Sterben zum Leben im Zusammenhang mit meiner persönlichen Beteiligung daran, beschreibe ich in meinem Buch „Der andere Weg – eine Annäherung an die Themen Sterben, Tod und Trauer“, das 2020 im ihleo verlag erschienen ist.

Der andere Weg

Eine Annäherung zu den Themen Sterben, Tod und Trauer
Ihleo Verlag 2020

Ingrid von Hänisch hat eine Erbschaft genutzt, um die „Stiftung-menschenwürdiges-Sterben“ zu gründen. Damit wollte sie ambulante Hospizdienste unterstützen und Sterben, Tod und Trauer enttabuisieren und humanisieren. Zur Zeit der Gründung 2004 war die Stiftung ein Wagnis im Gefilde, über das man nicht sprach. Die Stifterin ging voran: Wissbegierig und unerschrocken setzte sie sich mit dem Thema auseinander. Sie besuchte Hospize und Seminare, las über Würde und Religion, Begräbniskultur und Sterberituale und begleitete selber Sterbende.
Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Viele Initiativen und Projekte konnten gefördert werden. Das Interesse an der Thematik griff generell um sich: Es durfte gesprochen werden, Bücher wurden von oder über Sterbende geschrieben, die Medien nahmen sich der Thematik an – der Weg dorthin liest sich spannend.

Der andere Weg

Was ist Menschenwürde?

Auszug aus der Eröffnungsrede der Stifterin Ingrid von Hänisch bei der Ausstellung “CONTINUO – Leben und Sterben”

Menschenwürde
Menschenwürde
Menschenwürde

Die Stiftung-menschenwürdiges-Sterben hatte ich 2004 in Berlin gegründet. Vieles hat sich bis heute in der Einstellung und im Umgang mit Sterbenden zum Positiven geändert: Mehr Hospize, Patientenverfügung, Palliativmedizin, Sterbebegleitung bis hin zur ersten gesetzlichen Akzeptanz der Sterbehilfe bei todkranken, leidenden Menschen. Das wäre vor 12 Jahren noch nicht möglich gewesen. Aber nicht nur die Enttabuisierung des Sterbens und die verbesserten Bedingungen gaben den Ausschlag, die Stiftung menschenwürdiges Sterben in stiftung-menschenwürdiges-leben umzuwandeln, sondern wesentlich animierte mich die aktuelle gesellschaftliche Situation dazu, mich mehr dem Leben zuzuwenden. Ich denke, dass wir uns damit anfreunden müssen, unseren Wohlstand zu teilen. Wie schwer das dauerhaft fällt, haben uns die Flüchtlinge gezeigt. Solange wir dadurch Überflüssiges los wurden, war alles gut. Doch dann?! Das weltweite Auseinanderdriften von Arm und Reich kann uns längerfristig nicht zufrieden machen. Die Armut ist nicht mehr weit weg. Fernsehen, Internet, Journalismus bringt sie in unsere Wohlfühlzonen.

Das, was in beiden Stiftungen wesentlich ist, ist die Menschenwürde. Sowohl in der Menschenrechts-Charta der Vereinten Nationen als auch im deutschen Grundgesetz steht die Würde des Menschen an erster Stelle. Und das ist gut so. Denn die Menschenwürde ist die existentielle Basis jeden Menschseins. Jeder Mensch – und das müssen wir uns wirklich immer wieder bewusst machen – , jeder Mensch hat qua Geburt einen Anspruch und ein Recht auf Würde, egal welcher Hautfarbe, ob Migrant, Christ, Moslem oder Jude, ob homosexuell, transgender, egal ob geistig, körperlich, seelisch, oder charakterlich behindert, ob Sträfling oder Terrorist. Die Menschenwürde schließt alle ein.

Aber was heißt das eigentlich? Würde? Manchmal ist es bei schwierigen Definitionen einfacher vom Gegenteil auszugehen. Das Gegenteil zur Würde ist die Entwürdigung. Dazu zählen: missachten, herabsetzen, demütigen, misshandeln, quälen, foltern, töten. Das heißt, die Entwürdigung ist eine von anderen Menschen ausgeführte, aktive Handlung. Dem Menschen wird etwas genommen, was ihm qua Geburt zusteht. Das heißt aber nicht, dass man Unrecht und Aggression hinnehmen darf. Folter und Todesstrafe dürfen grundsätzlich nicht erlaubt sein und in Gefängnissen muss für menschenwürdige Zustände gesorgt werden.

Die Rechtspopulisten sprechen nicht mehr von der Würde eines Menschen, sondern von seiner Ehre. Was heißt das: Ehre? Und was ist der Unterschied zur Würde? Ehre muss er oder sie sich verdienen. Ehre erfordert Leistung, geehrt werden heißt einen Preis erhalten, heißt Anerkennung und Erfolg haben und das macht Stolz. Kinder bekommen für sportliche Leistungen eine Ehrenurkunde. Ehre macht hungrig nach neuem, größerem Lob, macht lobsüchtig nach mehr Anerkennung und wieder Anerkennung, es macht ehrgeizig, weil Ehre vom Augenblick lebt und nicht nachhaltig satt macht. Ehre füttert nur das Ego, den Stolz. Als die AfD zu wachsen begann und noch in die Talkshows eingeladen wurde, hatten alle ihrer Vertreter stets das gleiche, überhebliche Lächeln, mit dem sie auf die anderen herabblickten. Das ist ihnen jetzt vergangen.

Würde ist nicht Stolz. Würde ist nicht abhängig von einer Anerkennung. Sie dürstet nicht nach Anerkennung von außen, Würde ist eine innere Haltung, innere Sicherheit, eine Selbstakzeptanz, sie braucht keine äußere Bestätigung, sie ist sich selbst genug, bestätigt sich in sich selbst, in ihrem Menschsein. Würde heißt nicht dienern, gehorchen, sich Liebkind machen, Würde ist gegen Lob und Tadel gefeit, sie beinhaltet Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, mit sich im Reinen sein, zu sich selbst stehen, auch zu seinen Fehlern, wie es sogar der Papst getan hat, ohne seine Würde zu verlieren. Dafür muss man kein Papst oder Professor sein.

Vor vielen Jahren sah ich einmal in einer abgelegenen kleinen Hüttenansammlung in Kenia in einiger Entfernung einen nackten Eingeborenen stehen, mit einem Speer in der Hand schaute er über die Ebene. Diese Selbstverständlichkeit, mit der er da stand: alleine mit einer ungebrochenen Würde.

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