Projekt: Musiktherapie

Projekt „Musiktherapie“, Hospiz Kieler Förde gGmbH

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Fallbeispiel, aufgezeichnet von Katja Berdau, Musiktherapeutin im Hospiz Kieler Förde

Hr. S. ist seit zwei Tagen im Hospiz. Von Beruf Lehrer gewesen.
Sein Zimmer hat keine eigenen Möbelstücke, nur 2 Bilder an der Wand, beides Wassermotive. Hr. S. wird von der Familie und vom Pflegepersonal als freundlich, korrekt und sehr verschlossen beschrieben. Hr. S. möchte nicht über seine Erkrankung sprechen. Die Familie wirkt im Zimmer gut eingespielt, alle sind freundlich und lächeln. Alle funktionieren irgendwie. Ich ließ mich von den Bildern an der Wand und seinem Wesen inspirieren und wählte die Kantele mit einer pentatonischen Stimmung.

Die erste Begegnung:
Ich stellte mich vor mit der Kantele in meinen Armen. Hr. S. blickte freundlich auf und bot mir einen Platz neben dem Bett an. Hr. S lag im Bett. Er fragte mich, was ich auf dem Arm hätte. Ich erzählte etwas über das Instrument und fragte ihn, ob er es hören möchte und schlug ihm eine Klangreise vor. Gleichzeitig klärten wir ein Zeichen zum Beenden der Reise.
Ich begann mit der Reise. Nach wenigen Minuten erstarrte seine Mimik. Hr. S. kämpfte mit den Tränen. Wir schauten uns an und er begann zu lächeln und ließ die Tränen rollen. Hr. S. wirkte jetzt weicher, seine Mimik und sein Körper waren entspannt. Ich spielte ca. 30 min. und beendete dann die Klangreise. Ich wartete, bis sich Hr. S. etwas gesammelt hatte und fragte ihn, ob er reisen konnte. Hr. S entschuldigte sich für die Tränen und sagte, das sei gar nicht seine Art. Dann hob er den rechten Arm; das war unser Zeichen, die Begegnung zu beenden. Ich verabschiedete mich und fragte, ob ich wieder reinschauen dürfe. Er lächelte und nickte.

In den weiteren Begegnungen wurde Hr. S immer offener, auch seine Tränen wurden nicht mehr entschuldigt. Er sprach sogar eine Schwester an, wann die Musiktherapeutin wieder komme. Er möchte wieder weinen.
In der 5. Sitzung sagte er: „Ich bin Ihnen noch eine Antwort schuldig (ob ich Reisen konnte). JA.

Er erzählte von seinem ersten Urlaub mit seiner Frau (im Gespräch ging es aber auch um Ehrlichkeit, Abschied nehmen und Zumutung; was verkraftet meine Familie). Ich schlug Hr. S. eine Klangreise zu zweit vor. Hr. S. lehnte ab. Er sagte, meine Frau kann’s nicht sehen, wenn ich weine. Da Hr. S. immer schwächer wurde und auch die Stimme immer mehr versagte, bot ich an, vorher mit seiner Frau zu sprechen; er willigte ein. Wie vereinbart sprach ich mit Frau S., die über dieses Gespräch sehr dankbar war. Wir verabredeten uns und ich spielte eine Klangreise. Diesmal bat ich Hr. S. die Instrumente zu wählen. Er hatte schon einige kennen gelernt. Er wählte die Sansula und einen Regenmacher aus. Hr. S. lag im Bett und seine Frau saß am Bett. Ich begann zu spielen und Hr. S sagte zu seiner Frau: „Kannst du dich noch an unseren ersten Urlaub erinnern?“ Er nahm die Hände seiner Frau und beide weinten. Ich spielte 20 min. und verabschiedete mich. Was an diesem Nachmittag besprochen wurde, weiß ich nicht. Mein Gefühl sagt mir, dass sie wieder zueinander gefunden haben. Hr. S. begann am gleichen Abend, sich auf den Weg zu machen. Sein Allgemeinzustand verschlechterte sich schnell, doch sterben konnte er nicht. Die Ehefrau war besorgt und bat mich um ein Gespräch. Sie erzählte mir, dass er ab und zu laut rufen würde und immer wieder aufstehen wolle; er sei verwirrt. Ich ging zu Hr. S und spielte die Kantele. Ich legte sie auf seine Brust. Hr. S. wurde schnell ruhiger. Ich gab ihm persönliche Worte auf den Weg, bestärkte ihn, seinen Weg zu gehen und verabschiedete mich. In der Nacht verstarb Hr. S in Anwesenheit seiner Frau. Er war zufrieden, so sagte es mir Frau S.

Gespräch mit Herrn B. vom 16.6.2011

Wie haben Sie auf den ersten Kontakt mit der Musiktherapeutin (MT) reagiert?
Ich war zuerst skeptisch, aber ich wollte es trotzdem einmal ausprobieren. Ich hatte schon mal etwas von Klangtherapie gehört.

Haben Sie für sich ein Musikinstrument entdeckt?
Ja. Mir wurden an verschiedenen Tagen Instrumente vorgestellt wie z.B. Kantele, Monochord, Klangschalen und viele afrikanische Instrumente, die Namen habe ich nicht behalten. Da meine Kinder eine Kantele zu Hause haben und auch spielen, fand ich Sie nicht so reizvoll. Für mich habe ich die Sansula entdeckt.

Wie haben Sie die Sansula entdeckt?
Sie wurde mir vorgespielt. Die MT hat zwei mitgebracht, ich hatte auch eine. Ich spürte die Töne im Brust- und Bauchraum. Das war ein ganz neues Gefühl. Es war wunderschön. Wenn ich die Augen zumache, sind die Töne wie Seifenblasen, die von links und rechts auf mich zu kommen.

Wie geht es Ihnen bei der MT?
Ich kann mich fallen lassen und fühle mich frei. Einmal war ich richtig am Strand und die Töne waren die Dünung. Ich lag im Sand und konnte genießen und abschalten.

Was würden Sie anderen Gästen über MT erzählen?
Sie sollen es unbedingt ausprobieren, ich war ja am Anfang auch sehr skeptisch. Ich freue mich auf jeden Dienstag und Donnerstag, um wieder in meine Seifenblasen zu tauchen und wie schwerelos darin zu baden. Einfach nur schön.

Kontakt: Hospiz Kieler Förde gGmbH

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